Drachen können fliegen
16.August.2008
Oder: Aua, meine Füße

Was für ein Tag liegt hinter uns. Nach 22 Stunden waren wir um 5 Uhr endlich im Bett. Denn wir mußten beim Abbau noch auf das Ende vom Tennis warten. Was haben Tennis und Bogenschießen denn gemeinsam? Das gleiche TOC. Und da ein Ü-Wagen sich erst abkabeln kann, wenn die letzte Sendung vorbei ist, mußten wir für die fünf letzten Kabel nur 8 Stunden warten. Das Damendoppel Russland vs. China wollte kein Ende nehmen. So gegen 2 Uhr habe ich mich dann mal im Ü-Wagen mit nicht gerade bester Laune auf die Slomo-Bank gelegt, und ein Nickerchen gemacht. Um 4 Uhr, warum auch immer, wach geworden. Als ich realisiert hatte, wo ich eigentlich um diese Uhrzeit bin, klingelte auch schon das Telefon. Die wirklich freundlichen Kollegen vom TOC: „Vorbei, ihr könnt eure Kabel haben.“ Raus, die Kollegen haben für uns sogar Licht aufgebaut, und haben auch mitgekabelt. Alles verstaut, ab zum Hotel. Danke an die Kollegen für eine entspannte Woche.
Was tut man nicht alles für einen freien Tag.
Der begann dann um 9 Uhr. Aus dem Bett, unter die Dusche, rasieren, und ab ins Taxi. Auf zur Verbotenen Stadt.
Und ich lerne ein Peking kennen, daß ich mir so nicht vorgestellt habe. Diese Stadt kann Irgendwo auf dieser Welt sein. Bürohochhäuser aus Stahl und Glas, große Einkaufszentren, Wohnhochhäuser. Und der Taxifahrer gibt sich alle Mühe, nicht nur Schnell- und Hauptstraßen zu fahren. Wären da nicht die chinesischen Schriftzeichen, ich könnte nicht sagen, wo ich bin.
Dann um eine Kurve herum, und ich bin dort, wie man Peking aus Filmen und alten Erzählungen kennt. Und gehe in die Verbotene Stadt. Während meine Kollegen wohl noch schlafen, oder unterwegs zur Mauer sind (Mein Satz die letzten 2 Tage: „Ich gehe später zur Mauer. Wir hatten eine 30 Jahre in Deutschland&ldquo
Und bin beeindruckt, ergriffen. Von der Architektur der Gärten, der Flora, durch die ich gehe. Von den Bauten. Willkommen im Ursprungsland des Feng-Shui, das noch nicht esoterisch verwässert ist.
Da ich so richtig einen auf Touri gemacht habe, habe ich mir einen Audioguide geleistet. Und wer spricht die Texte? Franziska Pigulla, die Synchronstimme von Gillian Anderson. Na, das passt doch super. Und vor meinem Auge entsteht eine Zeitreise. Hin zur Zeit der Kaiser und Konkubinen (Einer hatte 27! Ist aber auch daran gestorben).
Durch den Privatteil der Stadt, und es ist wirklich eine Stadt in der Stadt, gehe ich zum represäntativen Teil der Stadt. Dorthin, wo die großen Audienzen stattgefunden haben, die Neujahrsansprachen. Stehe Gedankenversunken in der „Halle der Harmonie“ vor dem Thron, und versuche, das Bild lebendig werden zu lassen.
Was schön ist: mit unseren Akkreditierungen haben wir überall freien Eintritt. Und die Chinesen verstehen sich darauf, zu den Spielen überall Eintritt zu verlangen. Haben gut gelernt von den Europäern.
Wenn man dann zwei Stunden später draußen ist, steht man.... auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Nun, der ist ja uns bestens noch im Gedächtnis. Auf meinem Weg zum „Temple of Heaven“ geht es dann auch am Mausoleum von Mao Tse Tung vorbei.
Und verspüre die Lust, einfach mal links abzubiegen. Und bin mittendrin im eigentlichen Peking, das mit Tourismus nichts mehr zu tun hat. Erlebe ein wirkliches Peking. Voll mit freundlichen Menschen. Die ich neugierig angucke, und sie mich. Doch keiner schaut mich ängstlich, feindlich an. Ganz im Gegenteil. Ich kann überall stehen bleiben, gucken, Fotos machen. Niemand hat was dagegen. Und Nirgendwo eine Person, die aussieht wie ich.
Als ich dann mir eine Coke Zero kaufe, spricht mich ein alter Chinese an. OK, ich verstehe kein Wort, und er auch nicht Eins von mir, doch er erzählt und erzählt. Sollte ich die chinesische Zauberzunge vor mir haben? Denn mir schießt nur ein Gedanke in den Kopf, daß ein Satz hier absolut wahr wird: „Schenke ein Lächeln, und du bekommst Zwei zurück.“ Da könnten sich so viele Deutsche mal eine Scheibe von abschneiden.
Vor allem die, die sich ja in Blogs, Kommentaren, Artikeln über das „böse China“ aufregen, über das Doping, über den Kommerz der Spiele. Wer sich selber nicht mal hier herumtreibt, sollte es mal tun. Natürlich kann man in ein paar Minuten, Stunden, nicht alles kennenlernen. Nur: Doping ist nichts Neues, und jedes Volk hat seine Freiheit bekommen. Früher oder später. Nein, was aus all den Worten deutlich wird, ist nur Eins: die Deutschen haben Angst vor China. Denn es hat sich rasanter entwickelt in den letzten 10 Jahren, als es die Deutschen in den nächsten 20 Jahren tun werden. Alle Taxen, zum Beispiel, sind Hybridautos. Die Busse fahren mit Elektroantrieb, oder sind O-Busse. Ja, auch dieser Strom muß irgendwoher kommen. Doch es ist ein Anfang.
Und wegen der Sportleistungsinternate: die gab es Jahrelang links von uns auch, und doch hat man sich die Spiele angesehen. Und die selbsternannten Fernsehverweigerer, die sich ja ein Gewissen leisten: bei insgesamt 2.5 Milliarden Zuschauern der Eröffnungsfeier kommt es auf eine Handvoll weniger bei einer Show wie dieser auch nicht mehr an, und man sollte sich mal die Sponsorenliste ansehen. Dann kann man nämlich nichts mehr kaufen: http://en.beijing2008.cn/bocog/sponsors/sponsors/
Nun denn, irgendwann komme ich auch mal am „Temple of Heaven“ an. Und lasse mich erst einmal von einer Jamsession einfangen. Chinesen, ohne monetären Hintergrund, treffen sich mit ihren Instrumenten. Einer singt ein Stück an, und wenn alle wissen, um welches es geht, spielen sie es auf ihren Instrumenten. Einfach nur schön.
Der Tempel selber: beeindruckend. wie mag es hier vor 3.000 Jahren zugegangen sein? Wie mögen die Prozessionen zur Ernte, zur Saat, von den Mönchen, den Kaisern ausgesehen haben? Wie sind wohl Rituale verlaufen? Anstatt daran zu denken, stellen sich Touristen lieber auf den Altar, warten in einer langen Schlange. Allen ist es egal, daß der Tempel astronomische und akustische Besonderheiten bietet. So ist es zum Beispiel so, daß die „Mauer des Echos“ sehr besonders konstruiert ist. Klatscht man in die Hände, so gibt es vom ersten Stein ein Echo, vom zweiten Zwei, usw. Und flüstert man am Altar, so wird es sehr laut reflektiert. Auch ansonsten gilt es sehr viel Architektonisch, Astronomisches, Geheimnisvolles zu entdecken. Doch das Einzige, das man hört, ist das Klicken der Fotoapparate, und schon wird weitergehuscht. Traurig. Wie schön und beruhigend ist da doch der Gang durch den Garten des Tempels, mit seinen 8.000 Zypressen. Es erscheint alles so weit weg, nur eine ganz bestimmte Sache so nah.
Selbstredend tuen irgendwann einmal auch mir die Füße weh. Also Taxi rufen, ab zum Hotel. Und es kam, wie es kommen mußte: der Akku vom Mobiltelefon ist leer. Na super, auf dem sind doch die Programme von Lawo, wo alle Adressen in Chinesisch drin stehen, und auch vorgelesen werden können, akustisch. Und jetzt? Zum Glück hatte ich noch ein Stück Papier vom Hotel im Portemonnaie, auf dem die Adresse in Chinesisch drauf steht.
Und so neigt sich ein freier, spannender, interessanter Tag dem Ende entgegen. Wenn ich Glück habe, schaffe ich noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten in den nächsten Tagen vor dem Dienst, und wir haben nächsten Samstag noch mal frei. Dafür warte ich gerne wieder bis 4 Uhr morgens. Doch zum Glück sind wir beim Modernen Fünfkampf der einzige Ü-Wagen.
Und aus den sehr vielen Fotos von heute (Ja, auch ich habe welche im Tempel gemacht
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